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Kultur und Digitalisierung – erste Annäherung

Posted on 28.06.2018 by Dr. Michael Baurschmid - Manager

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Posted on 28-06-2018 by Dr. Michael Baurschmid - Manager

Gefühlt kommt die Digitalisierung – wie eine unaufhaltsame Naturgewalt – mit großen Schritten auf uns zu. Das zeigen die Berge der Studien, Blogbeiträge, Bücher und Konferenzen zum Thema sowie die praktischen Anwendungsbeispiele im Handel.

Sie lassen dem Interessierten kaum noch die Chance, den Überblick zu wahren. Geschweige denn, die Zeit dafür aufzubringen, sich mit den Voraussetzungen und Folgen der Digitalisierung zu beschäftigen. Das Motto lautet in der Regel: „Radikal Digital“ (Reinhard K. Sprenger), „Digital Work Design“ (Isabell M. Welpe), „Digital human“ (Bettina Volkens & Kai Anderson), „Human + Machine – Reimagining Work in the Age of AI“ (Paul Daugherty, James Wilson) oder „Rise of AI“ (Konferenz von Asgard Venture Capital). Mit „Jäger, Hirten, Kritiker – Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ spannt Richard David Precht, den wohl größten Bogen und gibt in seinem Buch einen Einblick in die Konsequenzen für unser Gesellschaftssystem. Der Handel macht mit „aller Macht“ mit. Kundenseitig z.B. durch Omnichannel-Angebote mit vernetzten digitalen Touchpoints oder firmenintern durch Automatisierungslösungen zur Preisfindung.

Ein „digitaler Tsunami“ kommt mit einer Vielzahl von neuen Technologien unaufhaltsam in unser Geschäfts-, Privat- und Gesellschaftsleben. Oft werden bei den Beiträgen die (Unternehmens-) Kultur sowie der Mensch in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt und die Frage aufgeworfen, ob wir bereit für diese Zukunft sind? Mögliche Antworten darauf geben u.a. die Deutsche Akademie für Technikwissenschaft (acatech) Studie „Technik Radar 2018 – Was die Deutschen über Technik denken“ oder Thomas Druyen „Die Ultimative Herausforderung – Über die Veränderungsbereitschaft der Deutschen“. Aufgrund der Kürze des Blogbeitrags seien alle genannten Quellen für eine Vertiefung empfohlen.

Das „richtige Mindset“ gilt schlechthin als der zentrale Erfolgsfaktor für Digitalisierungsprojekte. Agil, selbstorganisiert, fehlertolerant, experimentierfreudig und kundenzentriert sollte es immer sein und sich an den Vorgehensweisen der großen Player des Silicon-Valleys orientieren. Um das zu lernen, pilger(te)n viele Manager in die Epizentren der Digitalisierung und holen sich Ideen zur Umsetzung. Oftmals mit dem Wunsch, eine Blaupause für Erfolg gefunden zu haben. Andererseits lehrt uns die Praxis, dass der Wunsch nach Anerkennung, Sicherheit und Stabilität bei den Menschen immer stärker infrage gestellt wird. Durch die gefühlt steigende Komplexität der Welt macht sich eine Unsicherheit über die Zukunft breit. Grund dafür sind die Umwälzungen, die z.B. durch den Einsatz künstlicher Intelligenz zu erwarten sind und die Ungewissheit, wohin diese (nicht nur digitalen, aber gefühlt immer schnelleren bzw. grenzenloseren) Entwicklungen gehen. Das was bisher in seiner Form als Arbeit galt wird gerade vollkommen neu definiert. Dies geht mit einem noch nie da gewesenen Lebens- und Wertewandel einher, wie Menschen arbeiten werden und sich über Arbeit definieren. Mit den unterschiedlichsten Auswirkungen auf Lebensläufe, Eignungen und Fähigkeiten der Lebensgestaltung von Individuen. Aktuell ist die Tragweite der Entwicklungen noch nicht abschätzbar und damit ist unklar, was für eine neue Welt es in Zukunft sein wird. Genau so ist offen, wie der Weg im Einzelfall zu gestalten ist, da viele Weichen in Wirtschaft, Kultur, Bildung und Politik noch nicht gestellt sind. Aber Digitalisierungsprojekte werden von Schuh- und Bekleidungshändler immer ein wenig mit erschaffen und dabei sind kulturelle Voraussetzungen zu beachten.

Die Menschen sollen der bestehenden Unsicherheit durch Mut, Risiko- und aufgeschlossene Veränderungsbereitschaft entgegentreten. So lauten die gängigen Empfehlungen. Von den Unternehmen wird eine „kulturgerechte“ Vorbereitung der Mitarbeiter auf den anstehenden Wandel gefordert. Erste Erfahrungen weisen darauf hin, dass es nicht um Change-Tools geht, sondern um die grundsätzliche Haltung der Menschen und deren lebenslanges Lernen. Dabei den Möglichkeiten der Technologien einfach ungefragt zu folgen, davor warnt Richard David Precht. Denn das Heil liegt niemals in der Technik selber, wie viele Geeks im Silicon Valley glauben, sondern in der Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen. Folgt man Precht, so müssen wir uns fragen, mit welchem Vorverständnis vom Menschen wir die Technik entwickeln und teilweise (unkontrolliert) gebrauchen.

Was aber macht es so schwer, das „richtige Mindset“ zu erlangen und welche kulturellen Aspekte – hinsichtlich der individuellen Haltung – sind für uns Deutschen von besonderer Bedeutung?

Die besagten Quellen weisen für Deutschland auf eine zu Teilen schwach ausgeprägte Veränderungsbereitschaft hin. Dennoch ist die Mehrheit sehr an Technik interessiert, über technische Themen informiert und zum Teil sogar begeistert. Gleichzeitig gibt es Widersprüche im Urteil über den technologischen Fortschritt mit seinen positiven bzw. negativen Wirkungen. Je nach betrachteter Fokusgruppe (z.B. Geschlecht, Alter, Persönlichkeit, Habitus) und Anwendungsfall bestehen massive Vorbehalte der Öffentlichkeit gegenüber speziellen Anwendungen der modernen Digitaltechnik. Es wird ein Komfortgewinn durch deren Einsatz erwartet, aber gleichzeitig herrscht die Angst, die Hoheit über die eigenen Daten zu verlieren. Nicht die Technik an sich steht im Zentrum des Interesses, sondern ihre soziale Einbettung mit den gesellschaftlichen Folgen und Nebenfolgen des Technikeinsatzes.

Bei der Anwendung bzw. Nutzung zählen die Deutschen nicht immer zu den „frühen Vögeln“. Für die Mehrheit muss es nicht immer die neueste Technik sein. Auf der einen Seite macht ein gefühlter Kontrollverlust über die Zukunft den Deutschen Angst und führt zu Orientierungslosigkeit. Auf der anderen Seite ist der Großteil im Optimismus-Modus mit einer „Wir schaffen das“ Haltung. So resümiert Druyen: Obwohl um uns herum eine radikale Veränderung stattfindet, die auch Orientierungslosigkeit und Stress erzeugt, sind Abwarten und Verdrängen häufige Verhaltensweisen. Zudem fehlt es teilweise an visionärer Zukunftsgestaltung. In Bezug auf einen konkreten Veränderungswillen erscheinen die Deutschen dagegen zurückhaltend und weitgehend resistent.

Folgt man den Aussagen der acatech Studie, so wird die zukünftige Akzeptanz des Technikeinsatzes ganz wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, technischen Entwicklungen eine gesellschaftliche erwünschte Richtung zu geben. Außerdem sind die Sicherheitsbedürfnisse zu befriedigen – was in erster Linie den Umgang mit persönlichen Daten betrifft, aber daneben Schutz vor unberechtigtem (Daten-) Zugang gewährleistet.  

Die technologischen Entwicklungen führen zu geänderten Formen der Zusammenarbeit bzw. einer Co-Existenz zwischen Mensch und Maschine. In vielen Fällen wird das zu einem Wandel der Arbeits- und Lebenswelt führen und Auswirkungen auf Berufsbilder mit der notwendigen Aus-/Weiterbildung haben. In einigen Fällen werden die Konsequenzen bzw. Selbstwirksamkeitserfahrungen negativ sein (z.B. durch Statusverlust, Arbeitslosigkeit) und Einfluss auf die Bewertung des Sinns der Arbeit bzw. des Lebens der Betroffenen nehmen. Eine klare Zukunftsorientierung (Wollen) und lebenslanges Lernen (Können) gelten als Voraussetzung, um mit den neuen digitalen Entwicklungen Schritt halten zu können. Aber seine Lebenswelt aktiv zu gestalten und Pläne zu schmieden, also sein Leben in die Hand nehmen, kann nur, wer es gelernt hat.

Deutschland liegt beim lebenslangen Lernen im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Vielen Teilen der Gesellschaft fehlt es an intrinsischer Änderungsbereitschaft, nötigen Kompetenzen und Qualifikationen mittels verfügbarer (Lern-) Angebote. Kurzum: hier besteht ein Nachholbedarf, aber gleichfalls ist dies ein Hebel für Veränderungen.

Im nächsten Teil des Blogbeitrags werde ich aufzeigen, welche Möglichkeiten bestehen, ein zukunftsfähiges Mindset zu etablieren und dieses zu aktivieren. Seien Sie gespannt auf die Lösungsmöglichkeiten.

 

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